Thomas Seissl, BA M.phil

Prae doc, uni:docs-Stipendiat

Stipendiat des Marietta Blau-Stipendiums des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF)

Dissertationstitel: "Aristoteles’ "Jetzt" und danach: Spätantike Aristoteles-Kommentatoren über das Problem der zeitlichen Indexikalität in Physik IV.1014", betreut von Prof. George Karamanolis

Kontakt: thomas.seissl@univie.ac.at

 
Zum Projekt

Aristoteles' zentrale Diskussion über die Zeit, Physik IV.10–14, gehört zu den meiststudierten Passagen des Corpus Aristotelicum.  Trotz aller Interpretationsschwierigkeiten besteht in der modernen Forschung im Wesentlichen Konsens darüber, dass  Aristoteles dabei ein anti-platonisches Projekt verfolge. Die spätantiken Aristoteles-Kommentatoren kommen erstaunlicherweise zu einer ganz anderen Einschätzung.

Neuere philosophiegeschichtliche Studien zur mittel- und neuplatonischen Kommentartradition haben gezeigt, dass es nicht nur richtig ist, für spätantike Kommentatoren eine harmonisierende Deutung zwischen Platonismus und Aristotelismus anzunehmen, sondern auch dass sich die Kommentatoren explizit aristotelischer Argumente bedienten, um auszuführen, was ihrer Einschätzung nach platonische Philosophie sei. Dieses Verständnis liegt in der Tendenz, Aristoteles selbst wesentlich "platonischer" zu interpretieren, als es moderne Deutungen nahelegen.

Von exemplarischer Deutlichkeit für diese Tendenz ist die spätantike Kommentierung von Aristoteles’ Physik durch Simplikios und Johannes Philoponos. Gerade weil Simplikios und Johannes Philoponos an vielen Stellen gegensätzliche Positionen einnehmen und oft gegeneinander argumentieren, ist es besonders auffällig, dass sie Aristotelesʼ Physik IV.10–14 in keinem Widerspruch zum Zeitbegriff von Platons Timaios verstehen. Wie aber begründen Simplikios und Johannes Philoponos ihre Annahme der grundsätzlichen Vereinbarkeit des Timaios und Physik IV.10–14? Simplikios und Johannes Philoponos verstehen – so lautet die Arbeitshypothese – die aristotelische Zeitvorstellung weniger begrifflich von der platonischen unterschieden als vielmehr durch ihre philosophische Methode: Während Platon Prinzipien des Natürlichen vermittle, liege es Aristoteles daran, diese Prinzipien im syllogistischen Schlussverfahren zu erweisen (Simpl. In De cael. 3,16–19.25–27). Das Bemühen, Aristotelesʼ Physik IV.10–14 dezidiert nicht als anti-platonisch, sondern als Explikation des Timaios zu lesen, verspricht nicht nur eine systematische Neubewertung der antiken Physik, sondern ermöglicht es, eine bisher unzureichend erforschte Periode der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte für eine moderne Aristoteles-Interpretation fruchtbar zu machen. 

 
Zur Person

Thomas Seissl hat Philosophie an der Universität Salzburg (BA) und an der Universität Innsbruck (M.phil.) studiert. Vor seiner Tätigkeit an der Universität Wien war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie bei Prof. Dr. Giovanni Ventimiglia an der Universität Luzern. Ab Oktober 2021 ist Thomas Seissl Gaststudent am Lehrstuhl für die Philosophie der Antike und des Mittelalters von Prof. Dr. Barbara Sattler an der Ruhr-Universität Bochum. Hier finden Sie einen ausführlichen Lebenslauf.